1. THE GUYS

Vor der MIKE MARTIN GROUP gab es die Darmstädter Beatband THE GUYS.

Fotos zu THE GUYS gibt es hier


Beide Formationen waren stets „Zweitjobs“, also jeder von uns hatte immer noch einen „ordentlichen“ Beruf erlernt, bzw. ausgeführt. Den Sprung in die Unwägbarkeiten des Voll-Profitums hatten wir uns trotz aller Angebote, Chancen und Verlockungen aufgrund unserer Bodenständigkeit nie getraut. Richtig? Falsch? Who knows …?

 Als Schülerband wurden THE GUYS 1964 im südhessischen Darmstadt gegründet. Gründungsmitglieder waren Leo (Leszek Hirch) Sologitarre, Mike (Michael Martin) Bassgitarre, Theo (Theo Wenz) Rhythmusgitarre und zunächst Sepp (Josef Joe Mergel)  Schlagzeug.


Gewissermaßen der „Geburtsort“ von THE GUYS war 1964 der damalige ISK  (Internationaler  Studentenkeller) am Karolinenplatz in Darmstadt. Dabei handelte es sich in den Sechziger Jahren nicht um den ISK bei den unterirdischen Gewölben der Mathildenhöhe, sondern um dessen Vorgänger, wohl unter oder in der Nähe des heutigen Audimax. Die Band nannte sich zu dem  Zeitpunkt noch „BOYS“. Nach einem Kapellenwettstreit, bei dem man  „natürlich völlig unberechtigt“ nur den zweiten Platz belegte,  wurde der Bandname in THE GUYS geändert.

Für eine junge Band war es damals nicht einfach gewesen die Band aufzubauen, und das erforderte sehr sehr viel Enthusiasmus – und Entbehrungen. Den hohen Kosten für Instrumente und Verstärker standen anfangs nur bescheidene Gagen gegenüber.

Das Beispiel zeigt die Rechnung für eine Bassgitarre nebst  Bassverstärker vom 03.09.1965 (DM 3.620,00) und ein Auftrittsvertrag vom Tanzcafe Gondola in Groß-Zimmern vom 10.01.1965. Bei 7,50 DM pro Musiker und Stunde nahm die Band für 5 Stunden Musik DM 150,00  ein. Laut Vertrag  musste die Kapelle aber auch noch die Werbung machen, d.h. Plakate drucken lassen und diese in der Umgebung kleben.
Und: Die Bands waren auch noch froh, solche Möglichkeiten überhaupt zu haben…
Sie mussten nur bemüht sein häufig auftreten zu können.

Oft half auch das Musikgeschäft mit zinsfreien Teilzahlungen, denn ohne Ausrüstung ging überhaupt  nichts.

Ab Mai 1965 war Micky (Michael Schepp) am Schlagzeug. Micky brachte außer seinem  souveränen Schlagzeugspielen auch noch seine gute Stimme mit.
Fortan wurden viele Titel zwei- und dreistimmig gesungen. Geprobt haben wir mitten in Bessungen im Zimmer von Theo. Ohne Verstärkeranlage, ohne Mikrophone, ohne Schlagzeug, Micky trommelte auf dem Polster eines Klavierstuhls.

„Laufen gelernt“ haben THE GUYS in der „HÜTTE“ in der Kiesstraße. Der dortige (ehrenamtliche) Jugendleiter Peter (Pit) Stammler hat die Band bei Auftritten enorm unterstützt und auch erste Tonaufnahmen ermöglicht.

Eine kleine uralt Hörprobe: The Guys von 1967 live mit Sleepwalk.

 

THE GUYS tingelten im Raum Darmstadt – Dieburg und über die Dörfer des vorderen Odenwalds und im Ried.
Bald fanden sie auch Zugang zu den vielen US Militärclubs in der Umgebung. Dazu musste eine Band bei einer deutschen Kapellenagentur registriert sein, die wiederum von der amerikanischen Militärbehörde „Special Services Europe“ mit Headquarter in München lizensiert sein musste.
„Arbeitsvermittlung“ war zu dieser Zeit ein Staatsmonopol, dem die Arbeitsämter für Musiker und Künstler allerdings absolut nicht gewachsen waren.
Die Amerikaner erteilten die Lizenzen nur für sehr wenige Agenturen in Deutschland, auch damit die Zahlungsflüsse geregelt werden konnten.
Ein US-Militärclub Manager konnte also nicht einfach bei einer Band anrufen und fragen, ob sie bei ihm spielen wollen und eine Band konnte sich nicht selbst in einem US Militärclub anbieten. Meistens vereinbarten die lizensierten Agenturen „Paketdeals“ für mehrere Clubs in einem bestimmten Gebiet und verteilten das so vorhandene Budget auf die entsprechenden Bands auf. Natürlich führte das auch zu Missbrauch (Kickback), zwischen Clubmanagern und manchen Agenturen. Wir erinnern uns daran, dass ein US-Feldwebel als Clubmanager mit dickem Cadillac urplötzlich zum einfachen Soldaten degradiert und sich „freiwillig“ für den Dienst an der Front in Vietnam gemeldet hatte.

Für die Auftritte in den amerikanischen Clubs war es meistens Pflicht eine Frau auf der Bühne zu präsentieren. So ergab es sich, dass THE GUYS auch mit Sängerinnen oder Go-Go Girls auftraten..

 

 

1966 waren THE GUYS  nach mehreren Auftritten im berühmten „Rettungsring“ in Walldorf/Mörfelden der Schallplattenfirma CBS, heute SONY MUSIC aufgefallen, und waren wohl die erste und einzige Band der Region, die einen Schallplattenvertrag mit einer namhaften Schallplattenfirma (CBS) erhalten hatte.


Kurz nach dem Veröffentlichungstermin der Scheibe im Februar/März 1967 starb Alt-Bundeskanzler Konrad Adenauer. Die ganze Nation war in Trauer gefallen. Aufgrund der negativ belegten Titel (A-Seite: „Ich bin froh, dass ich Dich los bin“ / B-Seite: „Ich weine Dir nicht nach„) klappte die Vermarktung nicht so, wie sich das die Band und auch die Plattenfirma gewünscht hatten.

Die Musik von THE GUYS durfte in Deutschland nicht im Radio gesendet werden.
Frank Elstner war damals Moderator „auf den fröhlichen Wellen von Radio Luxemburg“ in Luxemburg. Einige Monate später interviewte Frank Elstner den Mike von THE GUYS in einem Radio-Interview   in Luxemburg. Er erfand für deren Musik  den Begriff „Joke-Beat“ und meinte: „Das ist ein richtig dufter Spaß“.
Hier ist ein kurzer Ausschnitt vom Schluss des Interviews.

In Österreich erreichte die A-Seite der THE GUYS Single obere Plätze in der Hitparade. Die beiden Titel  sind nach heutigem Unterhaltungsmusik-Denken eher „einfach“, stellten aber – vor allem mit der B-Seite – zu der Zeit des Entstehens, der Zeit des leichten Schlagers, einen  gewissen Ruck, eine Neuorientierung in Richtung der neuen Musik aus England und Amerika dar.

Wenige Monate nach dem Release der CBS Single musste der Sologitarrist Leo familiär bedingt umziehen. Für ihn kam Bernd (Bernd Wippich, † 2014) in die Band.
Mit Bernd haben THE GUYS als eine der ersten Bands eine „Psycodelic“ Lightshow: „Swallowing Feedback“ (Poster) mit Lichteffekten präsentiert.
Dabei handelte es ich um eine sogenannte einstündige „Floorshow“.
Floorshows wurden meistens zu der momentanen  Hausband in einem Club dazugebucht. Die Hausband hatte dann Pause, oder musste bei Einzelkünstlern diese dann ggfs. musikalisch begleiten. Eine Floorshow war nicht zu verwechseln mit möglichen Showeinlagen der Hausbands während deren eigener Auftritte. Oft wurden in den Floorshows US-amerikanische Künstler präsentiert, die im Rahmen der Truppenbetreuung etwas für ihre Landsleute machen wollten. So hatten wir einmal die Ehre Percy Sledge in Worms begleiten zu dürfen.
Die „echten“ Floorshows wurden, wie auch die von THE GUYS, an bis zu drei Clubs pro Tag gebucht. Das war ziemlich strapaziös.

Teil der THE GUYS Floorshow, war ein Auftritt des US-amerikanischen Topless Go-Go Girls „Bonita“ mit indianischen Wurzeln. Für die Floorshow hatten die Musiker  eine bunte Schminke in den Gesichtern. Diese war aber nur bei Schwarzlicht sichtbar, welches zu einem  bestimmten Zeitpunkt eingeschaltet wurde.
Für die Fotos wurden Plakafarben benutzt…

Mehr zu den US Militärclubs auf der Seite Mike Martin Group frühere Besetzungen.

 

Bernd zog es 1969 über die nordhessischen PETARDS zu RANDY PIE, den Musikern von Maffay und Lindenberg nach Hamburg, und schließlich mit seiner Frau Freya als Backgroundsänger/in nach München in das James Last Orchester und widmete sich anderen Projekten.

Nachdem sich Bernd Wippich von THE GUYS verabschiedet hatte führten Micky, Mike und Theo THE GUYS als Trio bzw. verschiedentlich mit Sängerin weiter.

Und natürlich gab es auch das Thema Bandbus. Wir hatten (nacheinander) zwei VW-Busse, einen Ford Transit und einen Ford Transit mit Zwillingsbereifung. Aber schon Anfang der 70er Jahre stellten wir auf Transport mit PKW und Koffer-Anhänger um. Jeder montierte sich dazu eine Anhängerkupplung an sein Auto und los ging’s…

 

Die Musiker von THE GUYS, die inzwischen in verschiedenen Bands wirkten, aber auch heute noch gelegentlich zusammen Rock & Roll und Oldies Konzerte geben, traten in den 60er und 70er Jahren in fast allen Militärclubs der US-Army in Europa auf. Geplant war sogar eine sehr gut honorierte mehrmonatige Auftrittsreihe in Vietnam. Sicher war es rückwirkend betrachtet gut, dass es dann nicht mehr dazu kam.

Je nach Anforderung wurden THE GUYS, aber auch die daraus entstehende  Mike Martin Group für die US Militärclubs als Rock & Roll-, Soul-, Country- oder Tanzband präsentiert. Das entsprechend riesige Repertoire war vorhanden…

 

Ein mehrseitiger Bericht über THE GUYS findet sich in dem einzig authentischen Werk über die Beatmusik der 60er Jahre in Deutschland von Hans-Jürgen Klitsch: „Shakin‘ All Over“ oder BEAT IN GERMANY   „SMASH…! BOOM…! BANG…!   The 60s Anthology

Die mit Sendeverbot in Deutschland belegt gewesene A-Seite der CBS Single „Ich bin froh, dass ich Dich los bin“ wurde 2004 von Bear-Family noch einmal auf der CD „BEAT IM SÜDEN“ BCD 16479 AR veröffentlicht.

Pfingsten 1999 gab es ein „Revival Konzert“ auf dem Marktplatz in Darmstadt mit Manfred (Mungo) Illke als Gast (>> Foto).

Am 21.07.2007 haben THE GUYS in fast Originalbesetzung  zu Ehren der Eröffnung des gigantischen FRAMUS Musikinstrumente Museums in Markneukichen/Vogtland ein mehrstündiges Konzert gegeben.
Inzwischen ist nur noch Mike musikalisch aktiv, aber Theo, Micky und Mike stehen noch immer in regelmäßigem Kontakt.

 

 

Zur MIKE MARTIN GROUP (frühere Besetzungen)

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